Alle Mythen über Rohrschwingel können über Bord geworfen werden
Das flämische Forschungsinstitut ILVO hat Untersuchungen (Klimgras) zu möglichen Strategien für Grünland im Hinblick auf den Klimawandel durchgeführt. Die Ergebnisse waren überraschend, besonders in Bezug auf Rohrschwingel. Ein Interview mit dem Forscher Maarten Cromheeke.
Was haben Sie untersucht?
„Unsere Forschung konzentrierte sich darauf, Landwirten klimaanpassungsfähige Strategien für ihren Grünlandanbau anzubieten. Der Schwerpunkt lag dabei auf Trockenheit. In den letzten Jahren haben wir festgestellt, dass Trockenheit zu weniger und qualitativ schlechterem Raufutter führt. Dadurch steigen die Kosten für einen Liter Milch, was insgesamt nicht nachhaltig ist. Wir haben trockenheitstolerante Grassorten wie Rohrschwingel, Knaulgras und Festulolium – eine Kreuzung aus Wiesenrispe und Italienischem Raygras – untersucht. Nur bei Rohrschwingel haben wir neben Anbauversuchen auch Futterversuche im Vergleich zu Englischem Raygras durchgeführt, da diese Grassorte das vielversprechendste Potenzial hat.“
Was sind die Schlussfolgerungen?
„v ist in Bezug auf den Ertrag überlegen. Das wussten wir bereits aus der Literatur, aber dies wurde nun erneut in aktuellen Praxisversuchen mit den neuesten Sorten bestätigt. Wir haben vier Jahre geforscht. In trockenen Jahren liefert Rohrschwingel 45 Prozent mehr Trockensubstanz als Englisches Raygras, in nassen Jahren 20 Prozent. Besonders vielversprechend ist die Kombination von Rohrschwingel mit Rotklee.“
Was macht die Kombination aus Rohrschwingel und Klee so besonders?
„Rohrschwingel wird oft nachgesagt, dass es eine geringere Verdaulichkeit hat und die Futteraufnahme niedriger ist. Aber wenn man Rohrschwingel mit genügend Rotklee kombiniert, bleiben die Trockensubstanzaufnahme und die Milchleistung auf dem Niveau von Englischem Raygras. Dabei sollte man an 30 bis 40 Prozent Rotklee im Silagegras denken.“
"Rohrschwingel im Anbauplan ist eine gute Absicherung.
Maarten Cromheeke - ILVO
Wie würde man diese Schlussfolgerung auf dem Bauernhof anwenden?
„In der Forschung bauten wir eine Monokultur aus Rohrschwingel und eine Monokultur aus Rotklee an und mischten unterschiedliche Kleeanteile bei. In der Praxis läuft es natürlich anders: Rotklee wird einem Rohrschwingel-Mischgras hinzugefügt. Klee zeigt ein Frühjahrstief und einen Sommerhöhepunkt: Im Frühjahr beträgt der Kleeanteil in der Weide etwa 20 Prozent, im Sommer bis zu 80 Prozent. Deshalb ist eine „Lasagne-Silage“, bei der alle Schnitte schichtweise in die Silage eingebracht werden, eine gute Lösung. Beim Füttern erhält man so die ideale Mischung aus Rohrschwingel und Rotklee.“
Wie könnte man Rohrschwingel auf einem Milchviehbetrieb einsetzen?
„Rohrschwingel im Anbauplan ist eine gute Absicherung; seine Wurzeln reichen bis über einen Meter tief in den Boden. Als Landwirt weiß man, welche Flächen trockenheitsanfällig sind. Wenn man diese Flächen mit Rohrschwingel einsät, macht man den Betrieb klimaresistenter. Es bietet sowohl ökologische als auch ökonomische Vorteile, besonders in Kombination mit Rotklee. Reines Gras benötigt 300 bis 360 kg Stickstoff pro Jahr. Eine Gras-Klee-Weide kommt mit 140 bis 170 kg aus – ein großer Vorteil.“
Bleibt der Ertrag von Rohrschwingel über die Jahre hoch?
„Nach der Aussaat steckt Rohrschwingel die meiste Energie in den Aufbau eines starken Wurzelsystems, sodass der Ertrag zunächst niedriger ist, besonders im ersten und zweiten Schnitt des ersten Jahres. Danach steigt er an. Im zweiten Jahr übertrifft Rohrschwingel deutlich das Englische Raygras, und in den folgenden Jahren setzt sich dieser Trend fort. Auffällig ist auch, dass der Rohproteingehalt von Rohrschwingel gleich hoch oder höher ist als bei Englischem Raygras. Trotz der hohen Trockensubstanzproduktion kommt es nicht zu einer Verdünnung. Bei Rohrschwingel mit Klee liegt der Rohproteingehalt im Durchschnitt sogar höher als bei reinem Gras.
Über die gesamte Vegetationsperiode entzieht Rohrschwingel oft mehr Stickstoff, als durch Düngung zugeführt wurde. Warum, wurde nicht untersucht. Es wird jedoch angenommen, dass durch die tiefe Verwurzelung weniger Nährstoffe ausgewaschen werden. Es gehen also nur wenige Mineralien verloren. Meine persönliche Schlussfolgerung: Rohrschwingel nutzt auch den Stickstoff, der durch trockene oder nasse Deposition auf der Weide anfällt. Daher liefert es mehr Stickstoff, als mechanisch zugeführt wird.“
"Besonders die Kombination von Rohrschwingel mit Rotklee ist vielversprechend.
Maarten Cromheeke - ILVO
Rohrschwingel soll weniger schmackhaft sein, Kühe würden weniger davon fressen und weniger Milch geben. Kann dieser Mythos widerlegt werden?
„Absolut! Milchviehhalter brauchen keinerlei Bedenken bei der Verwendung von Rohrschwingel zu haben. In den von uns untersuchten Futtermischungen mit 60 % Trockensubstanz aus Gras-Klee, 30 % Mais-Trockensubstanz und 10 % Trockensubstanz Pressschnitzeln gab es keine Unterschiede in der Aufnahme. Übrig bleiben nur die ökologischen und wirtschaftlichen Vorteile von Rohrschwingel in Kombination mit Rotklee. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass alle Mythen über Rohrschwingel über Bord geworfen werden können.“
Tipps zur Ernte von Rohrschwingel:
„Nach dem Mähen liegt Rohrschwingel locker auf dem Feld, wodurch das Blatt schnell trocknet. Dies sollte beim Mähen berücksichtigt werden. Wenn mehrere Parzellen zu mähen sind, z. B. mit Englischem Raygras, mäht man die Rohrschwingel-Weide zuletzt. Schütteln ist nicht nötig; die Weide sollte kurz vor dem Häcksler geharkt werden, damit Rohrschwingel nicht zu trocken in die Silage gelangt. Das schnelle Trocknen von Rohrschwingel macht die Kombination mit Klee besonders attraktiv, da Rotklee langsamer trocknet. So erreicht man einen idealen Trockensubstanzgehalt. Ein weiterer Tipp: Den allerersten Schnitt von Rohrschwingel rechtzeitig mähen, da sich Rohrschwingel nach der Aussaat langsam etabliert. Um den Unkrautdruck zu reduzieren, ist ein früher Schnitt sehr zu empfehlen, auch wenn der erste Schnitt noch nicht vollwertig ist.“
Gibt es ein Optimum für den Rohrschwingel-Anteil auf dem Betrieb?
„Das hängt natürlich von der Betriebssituation ab, aber meiner Erfahrung nach kann Rohrschwingel 30 bis 50 % des gesamten Grasanteils ausmachen. Er passt gut neben moderne, schnell verdauliche Raygräser mit hohem Zuckeranteil und liefert gleichzeitig einen gesunden NDF-Anteil. Außerdem gilt für jeden Milchviehhalter: Klee beimischen für maximalen wirtschaftlichen und ökologischen Nutzen.“
Gibt es noch Potenzial in der Züchtung von Rohrschwingel?
„Das denke ich schon. Die Züchtung von Englischem Raygras ist weit fortgeschritten, aber Rohrschwingel hat noch Perspektive. Unternehmen wie Barenbrug arbeiten intensiv daran.“